Vorgeschichte des Musikverein Ettlingen


Da in den Wirren der Nachkriegszeit, im Frühjahr 1945 sämtliche früheren Vereinsprotokolle und Niederschriften verloren gegangen sind, müssen wir uns auf die mündlichen Überlieferungen jetzt noch lebender Vereinsmitglieder verlassen.

Zur Vorgeschichte des Musikvereins:
Bevor wir die eigentliche Gründungsgeschichte des Vereins niederschreiben, wollen wir zuerst über das Musikleben, unserer Stadt in früherer Zeit und um die Jahrhundertwende berichten.

Das Bedürfnis nach Musik war sicher schon recht früh bei den meisten Menschen vorhanden, denn es gibt wenige, die in ihrem Herzen der Macht der Töne widerstehen können. Es gab immer zahlreiche Anlässe, die eine Musikkapelle als wünschenswert erscheinen ließen; so z. B. bei festlichen Empfängen, bei kirchlichen Veranstaltungen (Fronleichnams- und Flurprozessionen), bei geselligen Vereinsabenden, bei städtischen Feiern, aber auch beim fröhlichen Tanze.

Es läßt sich heute nicht mehr feststellen, auf welche Zeit die ersten Anfänge einer öffentlichen Musikkapelle zurückgehen. Doch schon vor mehr als 100 Jahren wird in einem Bericht über den Besuch des Großherzogs Leopold in Ettlingen anläßlich seines Regierungsantritts im Jahre 1830 eine Bläsermusik genannt.Dort heißt es: an der Spitze des Festzuges marschierte in scharlachroten Uniformen und langen, weißen Beinkleidern und hohen Tsckakos mit ihrer hübschgestickten Fahne in der Mitte die Bürgergarde mit ihren "blasenden Instrumenten". Wie lange diese Bürgerwehrblaskapelle bestanden hat, entzieht sich unserer Kenntnis.

Vier Jahrzehnte später, nach der ersten Reichsgründung wurde im Ettlinger Markgrafenschloß eine Unteroffizierschule untergebracht, die einen trefflich geschulten Musikchor besaß, dessen ausgezeichnete Konzerte im Hirschgarten, sowie seine Mitwirkung bei den Fronleichnamsprozessionen der älteren Generation noch in angenehmer Erinnerung sind. Der letzte Kapellmeister der königlichen Unteroffizierschule war Herr Albert Honrath und sein Stellvertreter Herr Gustav Krause.

Wann hat nun Ettlingen eine eigene Stadtkapelle erhalten? Ältere Vereinsmitglieder erinnern sich an sechs Musiker, die um das Jahr 1890 noch lebten und damals einer kleinen Stadtkapelle angehörten. Es waren dies: Hermann Baureithel, Karl Eisele, Oswald Schindler, Richard Schindler, Rudolf Weinstein und Schäfer aus Grünwettersbach.

Diese Stadtmusik übte meistens im sogenannten Bierkeller der Brauerei Hensle am Wattberg.

Im Jahre 1895 gründete auch die Ettlinger Feuerwehr, die auf ein mehr als 100-jähriges Bestehen zurückblicken kann, eine eigene Kapelle. Der erste Dirigent dieser 18 Mann starken Feuerwehrkapelle war der damalige Stadtorganist Franz Decker und sein Stellvertreter Hermann Baureithel, senior. Nachfolger von Decker wurde Leopold Koch. Nachdem auch dieser sein Amt niedergelegt hatte, übernahm der Chorleiter der Unteroffizierschule Carl Koppen die Leitung der Kapelle. Das jüngste Mitglied der Feuerw.ehrkapelle war der damals 14-jährige Ludwig Lauinger, dem wir auch z.T. den ersten Abschnitt der mündlichen Überlieferung unserer Abhandlung verdanken.

Etwa um die gleiche Zeit schuf die Maschinenfabrik Lorenz eine kleine Werkkapelle. Ihre Mitglieder waren größtenteils Lehrlinge. Da es ihr an Nachwuchs fehlte, hatte sie keinen langen Bestand. Ettlingen hatte also eine Zeitlang drei Musikkapellen, die z.B. bei der Fahnenweihe des Gesangvereins "Freundschaft" im Jahre 1901 den Festzug mit Marschmusik begleiteten.

Nachdem sich auch die Feuerwehrkapelle aufgelöst hatte, gründeten einige Musiker der eingegangenen Kapellen wieder eine neue Kapelle, deren 1. Vorstand Altschuhmachermeister Becker und Dirigent ein Herr Sauer aus Karlsruhe war. Doch auch diese Vereinigung hatte keinen langen Bestand.

Nun taten sich im Jahre 1906 einige musikbegeisterte junge Männer zusammen und bildeten ein Streichorchester, das den Namen "Musikgesellschaft Harmonia" führte. Dirigent wurde Hermann Baureithel jr. Dieses Streichorchester, dessen erster Geiger, Herr Eduard Geisert, heute noch lebt, spielte häufig in den Gaststätten von Ettlingen und der Nachbarorte zur Freude der Bevölkerung.

Nach und nach traten der Harmonia noch mehr Musiker der aufgelösten Kapellen bei, und es entstand nun neben dem Streichorchester auch eine Blaskapelle. Im März des Jahres 1907 bildete sich die "Musikgesellschaft Harmonia" in den "Musikverein Harmonia" um, dem jetzt auch passive Mitglieder beitreten konnten. Zum 1. Vorstand wurde zunächst Bäckermeister Jörger und zum Dirigenten Herr Mitsch gewählt, während bei der Generalversammlung im nächsten Jahre Privatier Pius Beck 1.Vorstand, Heinrich Bär Kassier und Josef Mußler Schriftführer des Vereins wurden.

Unter der neuen Leitung erlebte der Verein einen lebhaften Aufschwung, denn er gewann mehrere aktive und besonders zahlreiche passive Mitglieder. Bald konnten auch neue Instrumente beschafft werden. Diegünstige Entwicklung des Vereins hielt bis zu Beginn des ersten Weltkrieges an. Da die etwa zwei Dutzend Mann starke Kapelle größtenteils aus jüngeren, wehrpflichtigen Leuten bestand, mußten im August 1914 fast alle zum Heeresdienst einrücken. Da auch die Musikinstrumente während des Krieges an das Res.-Inf.-Regiment 110 abgeliefert werden mußten, löste sich die Kapelle zwangsläufig auf. (Acht Tage vor Kriegsausbruch spielte sie zum letztenmal im Gasthaus zur "Sonne" anläßlich eines Gartenfestes des Gesangvereins Freundschaft.)


Foto aus 1912


Foto aus 1900, Feuerwehrkapelle Ettlingen